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Seit 2012 hat sich der Ber­liner Bezirk Buch zu einem Schwer­punkt rechter Pro­pa­ganda ent­wi­ckelt. Ver­ant­wort­lich dafür ist die Kame­rad­schaft „Freie Natio­na­listen Buch“ (FN-Buch). Mit­glieder der Gruppe werden im örtli­chen Sport­ju­gend­club (SJC) bewusst geduldet und in Frei­zeit­ak­ti­vi­täten ein­ge­bunden. Ein FN-Buch-Mitglied tritt für die SJC-Ringermannschaft bei Wett­kämpfen an. Auch der Co-Trainer bekundet Sym­pa­thie für rechtes Gedan­kengut.

Freie Nationalisten Buch

„Heim ins Reich“: Berlin-Buch, Februar 2013

„Heim ins Reich“:
Berlin-Buch, Februar 2013

Aufkleber rechter Organisationen, Plakate, die dem Hitler Stellvertreter Rudolf Hess huldigen oder Sprühereien wie „Heim ins Reich“, „Buch bleibt braun“ oder „NS jetzt!“ – bis in den April diesen Jahres kam es fast wöchentlich im Pankower Stadtteil Buch zu massiven Propagandawellen, die oft das gesamte Viertel erfassten. Laut Statistiken der Pankower Registerstelle „moskito“ stellt Buch im Bezirk mittlerweile den Schwerpunkt im Zusammenhang mit rechten Aktivitäten dar.

Verantwortlich für diese Entwicklung ist die Gruppe „Freie Nationalisten Buch“ (FN-Buch). Ihr werden auch die Schändung des Bucher Ehrenmals für die gefallenen sowjetischen Soldaten am 8. Mai 2013 und die Schändung des Denkmals für die „Euthanasie“-Opfer auf dem Bucher Klinikumsgelände am 03.06.2012 zugerechnet. Das Mahnmal besprühten sie mit „SS“-Symbolen, dem Wort „Lüge“ und dem Kürzel „Anti-Antifa Buch“.

Die „Aktionsgruppe Buch (AGB)“ und die sich überwiegend aus dem gleichen Personenkreis zusammensetzende „Anti-Antifa-Buch“, die auch unter den Bezeichnungen „AG Buch“, „AG-Buch88“ oder „AG-B“ in Erscheninung trat, sind identisch mit der Gruppierung, die unter dem Label FN-Buch firmiert. [1] Der Namenswechsel vom häufig verwendeten Kürzel „AG Buch“ zur Bezeichnung „FN Buch“ erfolgte nach einer Hausdurchsuchung am 5. September 2012. Trotz eines gescheiterten Versuchs, am 18. Januar 2013 in Buch eine Spontendemonstration durchzuführen, der Beschlagnahmungen und Personenkontrollen nach sich zog, ist die Gruppe weiterhin aktiv. Vor allem in den letzten Monaten verklebte und steckte sie Material der NPD und von deren Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ (JN).

FN-Buch fertigen auch selbst Aufkleber an. Diese spiegeln deutlich die nationalsozialistische Haltung der Gruppe wieder: Aufkleber mit einem Hitler-Smilie und der Losung „Wir sind noch da! FN Buch“, Hakenkreuz-Sticker oder Motive, die NSDAP-Mitglieder dabei zeigen , wie sie ein „Kauf nicht beim Juden“-Schild aufhängen, tauchten zu Beginn des Jahres im Einzugsgebiet auf. „Juden werden hier nicht bedient“ heißt es auf einer weiteren Sticker-Selbstanfertigung der Kameradschaft.

Aufkleber der FN Buch: „Juden werden hier nicht bedient“, Hakenkreuz und BDM-Mädel, Aufruf zum antisemitischen Boykott.

Aufkleber der „FN Buch“:
„Juden werden hier nicht bedient“, Hakenkreuz und BDM-Mädel, Aufruf zum antisemitischen Boykott, Hitler-Smilie

Als Reaktion auf die massive Neonazipropaganda fanden seit März 2013 zwei Putzspaziergänge statt, um Aufkleber und rechte Sprühereien im Viertel zu beseitigen. Beim ersten Spaziergang am 2. März hatten sich Neonazis in Buch vermummt auf verschiedenen Balkonen angrenzender Plattenbauten postiert. In der Wiltbergstraße wurden Teilnehmer_innen des Spaziergangs vom Balkon aus abfotografiert. Fotograf war der Neonazi Christian Schmidt, vom „Nationalen Widerstand Berlin“ (NW-Berlin). Die Bilder die Schmidt anfertigt wandern ins „Anti-Antifa“-Archiv des NW und werden in letzter Konsequenz für Angriffe und Einschüchterungen gegen politische Gegner_innen genutzt.

Wiltbergstraße, Buch: Christian Schmidt (NW-Berlin) fotografiert Teilnehmer_innen eines antifaschistischen Putzspaziergangs, 3. März 2013

Wiltbergstraße, Buch: Christian Schmidt (NW-Berlin) fotografiert Teilnehmer_innen eines antifaschistischen Putzspaziergangs, 3. März 2013

Schmidt ist nicht nur an der Durchführung von Aktionen der Kameradschaft in Buch beteiligt, sondern bindet die Bucher Neonazis auch in den NPD-Wahlkampf aktiv mit ein. Dabei liegt nahe, dass die Freien Nationalisten aus Buch allmählich in der lokalen Pankower JN-Struktur aufgehen, mit deren Aufbau Christian Schmidt derzeit betraut ist. So wurde der Personenzusammenhang am 6. August 2013 beim Hängen von NPD-Plakaten in Weißensee gesichtet. In der von Diego Pfeifer (NPD-Pankow) und Christian Schmidt geleiteten Gruppe befanden sich unter anderem die FN-Buch-Aktivisten Fabian Knop und Daniel Stern.

Plakatieren für die NPD: Fabian Knop (links), Daniel Stern (schwarzes Shirt), Diego Pfeifer (rotes Shirt), Christian Schmidt (weißes Shirt) in Weißensee, 6. August 2013

Plakatieren für die NPD: Fabian Knop (links), Daniel Stern (schwarzes Shirt), Diego Pfeifer (rotes Shirt), Christian Schmidt (weißes Shirt) in Weißensee, 6. August 2013

Am 19. Mai 2012 versuchten die Bucher Neonazis die Dieter Eich-Gedenkdemonstration, die jährlich an den von Rechten ermordeten Sozialhilfeempfänger erinnert, zu stören. Vergleicht man die Gruppe mit jener vom 6. August 2013 in Weißensee, werden personelle Überschneidungen deutlich. Beide Male ist Fabian Knop mit der gleichen weiteren Person zu sehen, was einen konstanten rechten Personenzusammenhang in Buch, als auch Fabian Knops Aktivitäten bis Mai 2012 belegt.

Antifa-Beobachtungen zufolge dient Knops Wohnung immer wieder als Treff- und Ausgangspunkt für Aktionen im Viertel, so auch am Tag des zweiten antifaschistischen Putzspaziergangs am 19. Mai. In der Gruppe die von Fabian Knops Wohnung aus dem Spaziergang folgte, mit dem Ziel, dessen Teilnehmer_innen zu provozieren, befanden sich Daniel Stern und Tobias Reinholz. Reinholz ist ebenfalls Teil der FN-Buch und gehört zu Knops politisch-sozialem Umfeld. Um auf Knops Aktivitäten aufmerksam zu machen, wurde dessen Nachbarschaft im Mai mit Plakaten und Flugzetteln über ihn und seine Aktivitäten informiert.

Fabian Knop

Fabian Knop

Tobias Reinholz

Tobias Reinholz

Jungeneonazis, die sprühen gehen, Aufkleber kleben und Anschluss an gefestigtere Strukturen finden – alles in allem kein unüblicher Weg einer Jungkameradschaft. Pikant im Fall Buch allerdings ist die Tatsache, dass Mitglieder der Kameradschaft im lokalen Sportjugendclub Buch (SJC) regelmäßige Gäste sind. Teile der FN-Buch verbringen dort ihre Freizeit, werden zu Unternehmungen mitgenommen oder trainieren, wie im Fall von Fabian Knop auch im clubeigenen Sportverein, dem „SV Berlin – Buch e.V.“. Bei den „Bucher Ringerwölfen“, der Ringermannschaft des Vereins, trainierte Knop bereits lange vor seiner Betätigung im organisierten rechten Spektrum.

Ignoranz seitens des SJC-Buch

Die Fülle an neonazistischen Sprühereien und Aufklebern im Bucher Straßenbild ist kaum übersehbar, auch die immer wiederkehrende Erwähnung Buchs als rechter Propagandaschwerpunkt ist den Mitarbeitern des SJC hinlänglich bekannt. Dass es sich bei den Verursachern des Naziimages, das Buch mittlerweile wieder anhaftet, um die eigene Klientel handelt, ist ihnen sehr wohl bewusst. Der Umgang seitens des SJC damit bleibt jedoch unverändert: tolerieren und wegschauen.

Mitte April 2013: Naziparolen am SJC

Naziparolen am SJC:
Mitte April 2013

Mitte April 2013: Naziparolen am SJC

Naziparolen am SJC:
Mitte April 2013

Nicht einmal als zu Beginn des Jahres 2013 das Gebäude des SJC selbst mit Plakaten von FN-Buch beklebt wurde, hatte dies für die Jungnazis Konsequenzen. Mitte April wiederholte sich das Spektakel. Die Einrichtung wurde mit Keltenkreuzen und rechten Kürzeln wie „NSBA“ und „ANBA“ (Nationale Sozialisten Bundesweite Aktion / Autonome Nationalisten Bundesweite Aktion) besprüht, was die SJC-Belegschaft allerdings auch diesmal nicht aus ihrer stoischen Ruhe zu bringen schien. Wozu der SCJ selbst nicht in der Lage war, erledigten Teilnehmer_innen des antifaschistischen Putzspaziergangs am 19. Mai, ganze anderthalb Monate später, als sie die rechten Sprühereien an der Einrichtung beseitigten.

Bucher Rin­ger­wölfe: Fabian Knop bei den Berliner Meisterschaften 2013

Rin­ger­wölfe: Fabian Knop bei den Berliner Meisterschaften 2013

Bucher Rin­gerwölfe: Fabian Knop auf Trainingsfahrt, Titelbild Facebookseite „Bucher Rin­ger­wölfe“, 20 Juli 2013

Rin­gerwölfe: Fabian Knop und „Leitwolf“, Trainer Benno Atorf, auf Trainingsfahrt, Facebook-Titelbild: „Bucher Rin­ger­wölfe“, 20. Juli 2013

Fabian Knop konnte trotz seiner offensichtlichen Verbindung zu den Schmierereien weiterhin an Trainings in der „Wolfshöhle“, wie die Bucher „Bucher Ringerwölfe“ ihre Halle nennen, teilnehmen. Noch im Mai 2013 schickte ihn der SV Buch zu den Offenen Berliner Meisterschaften, wo er für die „Bucher Ringerwölfe“ am 19. Mai Bronze holte. Weder von der Dieter-Eich-Demo, die auch an Knops Wohnung vorbeizog, noch von den Nachbarschaftsflugblättern zu seiner Person am Tag zuvor zeigten sich die Sozialpädagog_innen und Trainer_innen des SJC beeindruckt. Dabei liegt Knops Wohnung in unmittelbarer Nähe der Jugendeinrichtung. Nicht mitbekommen zu haben, wer oder was da thematisiert wurde, ist deshalb schon eine Kunst an sich.

Nur eine Woche später trat er dann für den SV Buch beim 27. Internationalen Pfingstcup Berlin erneut an, genau so wie er am 20-Jahre-Fest des SJC am 31. August beteiligt war.

Trainer der „Bucher Ringerwölfe“ sympathi- siert mit Neonazis

„Leitwolf“: SJC-Trainer Atorf „gefällt“ der rechts­ra­di­kale NMV-Versand

SJC-Trainer:
Benno Atorf „gefällt“ der rechts­ra­di­kale NMV-Versand

Benno Atorf, Co-Trainer der Abteilung Ringen des SJC, trainiert wöchentlich Jugendliche in eben dieser Disziplin und begleitet sie auf Turniere, so auch Fabian Knop. Wie es scheint, ist auch Knops Trainer, der sich als „Leitwolf“ des Ringerteams bezeichnet, rechter Ideologie gegenüber nicht abgeneigt. Atorf selbst gibt unter den „Gefällt mir“-Angaben seines Facebook-Profils neben „Germanische Götterwelten“ auch den „NMV-Versand“ an.

Hier können Devotionalien der Neonazibands „Macht und Ehre“, „Sturmwehr“ oder Shirts mit Aufdrucken wie „Braun ist Trumpf“ geordert werden. Die über den Onlineversand erhältlichen T-Shirts mit der Aufschrift „Wolfsschanze – Ostpreussen“ werden auch von Mitgliedern der „Freien Nationalisten Buch“ öffentlich zur Schau getragen. Auf einem Shirt, das die Rechtsrockband „Lunikoff-Verschwörung“ über NMV vertreiben lässt, wird die Freilassung des Nazi-Kriegsverbrechers Erich Priebke gefordert. Außerdem veröffentlichte NMV auf Facebook im Februar 2013 einen Solidaritäts-Banner für Ralf Wohlleben, der derzeit als Unterstützer der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) vor Gericht steht.

Motive des NMV-Versand: Rechtsrockband „Die Lunikoff-Verschwörung“ und Aufruf zur Freilassung des  NS-Kriegsverbrechers Erich Priebke

NMV-Versand:T-Shirt von „Die Lunikoff-Verschwörung“

Exkurs: NMV-Versand

Hinter dem NMV-Versand steht der Brandenburger Neonazi Gordon Reinholz. Seit 2011 zeichnete sich Christian Banaskiewicz als Inhaber auf der Versandseite verantwortlich. Reinholz und Banaskiewicz, die beide Führungskader des 2006 verbotenen „Märkischen Heimatschutzes“ (MHS) waren, haben die Inhaberschaft später an Falko Hesselbarth übertragen. Dieser ist Sohn der DVU-Abgeordneten Liane Hesselbarth und gehörte zur 2005 verbotenen Kameradschaft „Alternative Nationale Strausberger Dart-, Piercing und Tattoo-Offensive“ (ANSDAPO), in der auch der Mörder des 1993 ermordeten Hans-Georg Jacobsen aktiv war. Das Trio und ihr Umfeld betreiben neben dem NMV-Versand verschiedene Internetversände, sowie einen Neonaziladen mit Textildruckerei in Eberswalde.

Der NMV-Versand ist nicht mehr rechtsoffen, sondern ein knallharter Neonaziversand. Von einem Versehen kann bei Atorfs „Gefällt mir“-Angabe darum nicht die Rede sein, zumal diese schon mindestens ein halbes Jahr sein Profil schmückt. So verwundern auch die zahlreichen Neonazis in Atorfs Freundesliste kaum [2].

Ein Rene Kohls verherrlicht hier in seinen Postings die Wehrmacht und bekundet seine Unterstützung für die NPD, den inhaftierte Holocaustleugner Horst Mahler und das rechte Skinhead-Forum „Skinpride Boots and Braces“ [3]. Auf einem Foto posiert ein Freund in Wehrmachtsuniform vor einer metallernen „Gibor“-Rune (Wolfsangel) und hält eine „Runenwache“ ab. Frank Betker, ebenfalls ein Freund Atorfs, ist auf einem weiteren Bild mit Militärmütze zu sehen, die ein Reichsadler-Uniformstück ziert.

Rene Kohls

Co-Trainer Atorfs Freunde: Rene Kohls veröffentlicht Foto eines Freundes in Wehrmachtsuniform vor „Gibor“-Rune

Co-Trainer Atorfs Freunde: Frank Betker mit Wehrmachtsmütze, Februar 2013

Co-Trainer Atorfs Freunde: Frank Betker mit Wehrmachtsmütze und
Reichsadler

Unter dem Pseudonym „Trebor Hcrots“ präsentiert Robert Storch auf seinem Profil das Eiserne Kreuz, umrahmt in schwarz-weiß-rot und liked Seiten wie „Ich bin stolz, Deutscher zu sein“ oder „Kriminelle Ausländer raus“ [4]. Weiterhin wird sich in Atorfs Freundeskreisen gegen ein NPD-Verbot (Adre Gesinke) [5] oder für die „Todesstrafe für Kinderschänder“ (Andre Tappert) [6] stark gemacht. Benno Atorfs Familienmitglied Peter Atorf „gefällt“ unter anderem die rechtspopulistische Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) [7], die in Mecklenburg-Vorpommern mit dem Slogan „Einwanderung ja. Aber nicht in unsere Sozialsysteme!“ um rechte Wählerstimmen buhlt. Der Bucher Neonazi Ronny Döbel, ebenfalls in Benno Atorfs Freundesliste, zählt NPD-Funktionäre wie Udo Voigt, Jens Pühse, Holger Apfel, Jürgen Gansel und Ronny Zasowk zu seinen Freunden [8].

Hellersdorf: aktive und ehemalige SJC-Nutzer mischen mit bei rassistischen Protesten

Ein Blick auf die rassistische Mobilmachung der letzten Monate gegen die Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Hellersdorf macht deutlich, dass es sich bei Atorfs rechten Schülern und Freunden nicht um bloße Online-Nazis handelt, die ihre Hetze im Netz kund tun oder ihrem Aktionsmus auf Buch beschränken.

Ronny Döbel ist mit Benno Atorf befreundet. Am 09.07.2013 war er bei der Versammlung zur Asylbewerberunterkunft mit einer größeren Gruppe Neonazis unterwegs.

Benno Atorf ist befreundet mit Ronny Döbel. Döbel war am 9. Juli 2013 bei der Versammlung zur Asylbewerberunterkunft mit einer größeren Gruppe Neonazis unterwegsLinks: Ronny Döbel  auf der Bür­ger­ver­samm­lung vom 9. Juli 2013 (r.). Li. m. Glatze: Ronny Smetek Rechts: Ronny Smetek zeigt bei der Eröff­nung der Unter­kunft den Hit­ler­gruß, 19. August 2013 Links: Ronny Döbel (r.) auf der Bür­ger­ver­samm­lung vom 9. Juli 2013. Links mit Glatze: Ronny Smetek
Rechts: Ronny Smetek zeigt bei der Eröff­nung der Unter­kunft den Hit­ler­gruß, 19. August 2013Hellersdorf, 20. August 2013: Fabian Knop (rechts) hält das Transparent der Berliner NPD auf einer Kundgebung gegen die Notunterkunft für Asylbewerber_innen Hellersdorf, 20. August 2013: Fabian Knop (links) hält das Transparent der Berliner NPD auf einer Kundgebung gegen die Notunterkunft für Asylbewerber_innen

Die sollen sich dahin verpissen, wo sie hergekommen sind!“, […] „die sollte man alle vergasen!“ – diese und ähnliche Rufe waren bei der Hellersdorfer Bürgerversammlung am 9. Juli 2013, auf der über die Eröffnung des Flüchtlingsheims diskutiert werden sollte, zu hören. Atorfs Freund Ronny Döbel stand während der Veranstaltung mit einer größeren Gruppe Neonazis zusammen, die immer wieder in das rassistische Gejohle einstimmten.

Einer von ihnen trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Welcome to Germany“ in Verbindung mit einem Adolf-Hitler-Smilie. Teil von Döbels Clique war auch der Neonazi Ronny Smetek, der am 19. August, dem Tag der Heimeröffnung, traurige Berühmtheit erlangte, als er vor laufender Kamera Flüchtlingen und deren Unterstützer_innen den Hitlergruß zeigte.

Ronny Döbel, der in Jugendjahren selbst öfter Gast der Jugendeinrichtung war, ist seit Beginn der Proteste in Hellersdorf nicht nur auf Facebook an der Hetze beteiligt, sondern wurde auch im Umfeld des Heimes bereits mit anderen Neonazis gesichtet.

Auch Fabian Knop beteiligt sich an der Hasskampagne. Am 20. August waren er und andere Neonazis eingeteilt, bei einer NPD-Kundgebung gegen das Heim das Transparent der Berliner NPD zu halten, was einmal mehr für dessen weitere Einbindung in organisierte rechte Strukturen spricht.

Die rassistische Hetze hat konkrete Akteure

Die rassistische Mobilmachung in Hellersdorf, als auch die Anti-Moschee-Proteste gegen die „Ahmadiyya“-Gemeinde in Pankow-Heinersdorf 2006-2008 (Video) belegen die tief sitzenden Ressentiments der deutschen Mehrheitsbevölkerung und zeigen, dass organisierte Rechte nicht das Copyright auf Rassismus gepachtet haben. Allerdings machen Beispiele wie Hellersdorf, wo die NPD eine tragende Rolle spielt oder Heinersdorf, wo CDU und Kleinunternehmer_innen den Protest stützten, deutlich, dass rassistische Mobilmachungen ohne ein organisatorisches Rückgrat zum Scheitern verurteilt sind.

Schon jetzt deutet sich an, dass die NPD/JN-Pankow versucht die Eröffnung einer Asylbewerber_innenunterkunft in der Pankower Mühlenstraße zu nutzen [9], um sich an die Spitze eines möglichen Protestes gegen das Heim stellen zu können. Die derzeitige Kampagne gegen Asylbewerber_innen in Berlin hat klare Akteur_innen, zu denen auch die Neonazis um Fabian Knop und die FN-Buch gehören. Etwas gegen das Treiben „ihrer Jungs“ zu unternehmen, hätte auch in den Händen des SJC-Teams gelegen. Aber was soll man auch erwarten, wenn selbst der Co-Trainer des Ringerteams eine offene Flanke nach rechts aufweist. Sozialpädagog_innen und Trainer_innen des Sportjugendclubs können ihrem Schützling nun dabei zusehen, wie er mit der NPD auch im Bezirk Pankow seine Propagandastreifzüge gegen Flüchtlinge veranstaltet – wenn sie es denn sehen wollen.

Im Osten nichts Neues: Glatzenpflege auf
Staatskosten

Träger des SJC ist die „GSJ – GESELLSCHAFT FÜR SPORT UND JUGENDSOZIALARBEIT gGmbH“, während eine klare Positionierung gegen Neonazis mittlerweile bei den meisten Trägern zur Selbstverständlichkeit gehört, gab es mit Verfechter_innen der sogenannten „Aktzeptierenden Jugendarbeit„ in der Vergangenheit immer wieder auch Probleme. Straßensozialarbeiter_innen von Gangway standen im Jahr 2003 in der Kritik, als sie durch regelmäßige Treffen mit Neonazis am S-Bahnhof Grünau einen Angstraum für potentielle Opfer der Rechten etablierten. Das ist im aktuellen Fall von besonderer Relevanz, als dass das Gangway-Regionalteam Nord sein Büro im 1. Stock des Bucher SJC hat.

SJC Lichtenberg: Rechts im Bild, die Neonazis Lars Wünsche (r.) und Martin Kalina (2. v. r.) an der Kletterwand, 2008

SJC Lichtenberg: Rechts im Bild, die Neonazis Lars Wünsche (r.) und Martin Kalina (2. v. r.) an der Kletterwand, 2008

Auch im Lichtenberger SJC, unter anderer Trägerschaft, aber dennoch dem Konzept von Akzeptanz folgend, haben Neonazis nicht nur die Möglichkeit an regelmäßigen Freizeitaktivitäten und Gruppenreisen teilzunehmen, sowie den Fitnessraum zu nutzen. Im Jahre 2008 gelang es den „Freie Kräften“ sogar, über den Lichtenberger Sportjugendclub Zugang zu einer Turnhalle für Kampfsportübungen zu erlangen [10]. An dahingehendem Problembewusstsein fehlte es nicht nur dem langjährigen Leiter der Einrichtung, Peter Steger während dessen Dienstzeit Schützlinge des SJC immer wieder durch neonazistische Aktivitäten und Übergriffe auffielen. Auch nach dessen Weggang Ende der 2000er Jahre halten die Sozialpädagog_innen des SJC an der akzeptierenden Jugendarbeit fest und so verwundert es nicht, dass auch im neuen Jahrzehnt aktive Neonazis den SJC nutzen können. Auf einem Promotion-Foto, das im Netz noch im Jahre 2011 für den SJC Lichtenberg warb, waren an der Kletterwand des Clubs die Neonazis Lars Wünsche und Martin Kalina zu sehen. Beide waren bei den „Freien Kräften“ aktiv und für mehrere Übergriffe auf Veranstaltungen und alternative Jugendliche verantwortlich [11]. Erst nach wiederholter Kritik entfernte der Lichtenberger SJC das Bild schließlich von seiner Seite, ob Konsequenzen auch in Bezug auf die Konzeption der eigenen Arbeit gezogen wurden, darf hingegen bezweifelt werden.

Akzeptierende Jugendarbeit mit Neonazis

Leitspruch des SJC Buch: „Unsere Kinder sind Motor und Spiegel unserer Arbeit“

Leitspruch des SJC Buch: „Unsere Kinder sind Motor und Spiegel unserer Arbeit“

Während die akzeptierende Jugendarbeit mit Neonazis in den 90ern heftig kritisiert und spätestens Ende der 2000er Jahre vollends für gescheitert erklärt wurde, haben sich andernorts neue Konzepte zum Umgang mit rechten Jugendlichen in der sozialen Arbeit etabliert. Zum Beispiel Projekte der „Aufsuchenden Sozialarbeit“, bei denen Sozialpädagoginnen zwar den Kontakt zu rechten Jugendlichen suchen, der Clientel jedoch keine Räumlichkeiten oder Ressourcen überlassen, welche die rechte Szene in ihrem Sinne zu instrumentalisieren weiss.

Nur in Buch und Lichtenberg scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Hier geht man immer noch davon aus, dass es sich bei Neonazismus um eine Art Jugendkrankheit handelt, die sich irgendwann verwächst, wenn man die jungen Neonazis nur ausreichend in vorhandene Sozialräume „integriert“.

Wer aber glaubt, dass sich Neonazis in „nettere“ Menschen verwandeln, wenn sie nur mit Freizeitangeboten und Toleranz überschüttet werden, wird nicht nur daran scheitern, sie vom „rechten Weg“ abzubringen, sondern verkennt auch die Dimensionen faschistischer Ideologie und Organisierung. Dieser Ideologie inbegriffen ist ein durch nichts irre zu machendes Überlegenheitsdenken, das immer wieder auch als Triebfeder für Angriffe oder Propagandatouren im Auftrag der „nationalen Sache“ gilt. Neben Freizeitangeboten und Lebenshilfe wird den jungen Neonazis auch der Zugang zu Räumen gewährt, in denen sie auf Sympathisant_innen treffen und Angsträume für all jene schaffen können, die sich offen gegen Neonazismus positionieren oder nicht ins „rechte Weltbild“ passen. Erinnert sei hier an die leidigen Erfahrungen mit der „Glatzenpflege“ der 90er und Anfang der 2000er Jahre, zu denen gehört, dass beinahe alle Jugendeinrichtungen in Buch von rechten Jugendcliquen dominiert wurden, während die Sozialarbeiter_innen sich gegen die rechte „Unterwanderung“ machtlos zeigten.

Eine Jugendeinrichtung ist keine abgeschottete Blase – Position beziehen!

Selbstverständnis der Bucher Neonazis: „Nazi Home Zone Buch“

„Nazi Home Zone Buch“

Und so gilt auch heute: Solange Respekt nur innerhalb des Jugendclubs oder der Sporthalle gilt, außerhalb dieses Rahmens aber gegen „Fremde“ und nicht-rechte Menschen verbal und physisch vorgegangen werden kann, ist jeder Anspruch von Gewaltfreiheit und gegenseitigem Respekt eine leere Floskel. Eine Jugendeinrichtung ist keine abgeschlossene Blase, die abgeschottet von gesellschaftlichen Problemen existiert. Zu diesen gehört neben sozialer Ausgrenzung, niedrigem Einkommen und weiteren jugendspezifischen Problemen auch Rassismus. Wie sich das rassistische Alltagsklima aus der Sicht „nichtdeutscher“ Menschen vor Ort darstellt, beschreibt Dr. Ulrich Scheller vom Bucher Max-Delbrück-Centrum wie folgt: „Wissenschaftler aus über 57 Nationen sind hier tätig. Immer wieder klagen sie über Pöbeleien, auch Rempeleien auf dem Weg vom Bahnhof zum Bucher Campus“. So gibt es „Ängste, sich wegen ausländerfeindlicher Pöbeleien im Ortsteil zu bewegen. Wir haben sogar über ein Taxi-Shuttle vom MDC zum Bahnhof nachgedacht. Wohnen in Buch wollen die wenigsten.“ [12]

Spätestens nach dem jüngsten Vorfall müsste sich der SJC einer Auseinandersetzung mit Rassismus im eigenen Sozialraum stellen. So wurde laut Polizeimeldungen am 16. Juli ein 14-Jähriger von einem etwa Gleichaltrigen vor dem SJC rassistisch beleidigt und am Arm verletzt. Das Alter der Konfliktbeteiligten, als auch die Tatsache, dass sich aufgrund der Lage des Clubs kaum Zufallsgäste oder Passant_innen dahin verirren, lässt auf eine Auseinandersetzung unter SJC-Gästen schließen.

Zu einer Stellungnahme sah sich der SJC, wie kaum anders zu erwarten, auch diesmal nicht genötigt. Ob es jemals zu einer offenen Auseinandersetzung über den Angriff oder die Aktivitäten, der im SJC verkehrenden Jungnazis kommen wird, bleibt zu bezweifeln. Doch es wäre an der Zeit die Auseinandersetzung mit der Ideologie ihrer Klientel und Benno Atorf, dem Co-Trainer des Ringerteams, zu suchen, sowie mit Fabian Knop, einen nachweislich aktiven und in Strukturen eingebundenen Neonazi aus der Jugendrinrichtung zu verweisen!

SJC Berlin-Buch

Karower Chaussee 169 c
13125 Berlin

Telefon: 030 949 78 25
Fax: 030 94 51 82 45
E-Mail: [email protected]

Vorstand SV Berlin–Buch e.V.

1. Vorsitzender
René Romanik (Volleyball)
Telefon: 0179 – 108 92 62
E-Mail: [email protected]

2. Vorsitzender
Peter Mandelkow (Ringen)
Telefon: 0173 – 606 24 53
E-Mail: [email protected]

Trägerschaft SJC Berlin-Buch

Hanns-Braun-Straße / Friesenhaus II
14053 Berlin

Telefon: 030 300 98 50
Fax: 030 300 98 511
E-Mail: [email protected]

Gangway e.V.

Regionalteam Nord
Karower Chaussee 169 c (1. Etage im SJC Buch)
13125 Berlin

Telefon: 030 943 99 028
E-Mail: [email protected]

Jugendamt Pankow

Direktorin Frau Pfennig
Berliner Allee 252-260
13088 Berlin – Weißensee

Telefon: 030 902 95 74 64
Fax: 030 902 95 29 49

[1] Kleine Anfrage der Abgeordneten Elke Breitenbach und Hakan Taş (LINKE) vom 28.03.2013 / Antwort: 11. April 2013
[2] Bildbelege aus Benno Atorfs Facebook-Freundesliste, Stand 31.08.2013: Frank Betker, Ronny Döbel, Fabian Knop, Rene Kohls, Andre Gensicke, Trebor Hcrots, Andre Tappert, Peter Atorf
[3] Rene Kohls „gefällt“ Holocaustleugner Horst Mahler, die NPD und das rechte Skinhead-Forum „Skin­pride Boots and Braces“, facebook, Stand: 31. August 2013
[4] Robert Storch, alias „Trebor Hcrots“, schmückt sein Profil mit Eisernem Kreuz, fortert „Kriminelle Ausländer raus!“ und ist „stolz Deutsch zu sein“, facebook, Stand: 31. August 2013
[5] Andre Gesinke: „Soll die NPD verboten werden?“ „Nein, die NPD tut nichts verbotenes!“ facebook am 25. September 2012
[6] Andre Tap­pert teilt die Forderung „Todesstrafe für Kinderschändert“ und befürwortet einen Kopfschuss, facebook, Stand 2. September 2013
[7] Peter Artof „gefällt“ rechtspopulistische „Alternative für Deutschland“: facebook, Stand: 31. August 2013
[8] Ronny Döbel zählt NPD-Funktionäre wie Udo Voigt, Jens Pühse, Holger Apfel, Jürgen Gansel und Ronny Zasowk zu seinen Freunden, facebook, Stand 31. August 2013
[9] „Die ersten Pappen gegen das geplante Asylbewerberheim in Pankow hängen nun in der Straße…“, NPD-Pankow-Website, 28. August 2013
[10] fight.back 04 — Antifa-Recherche Berlin-Brandenburg, Mai 2009, S. 42
[11] fight.back 03 — Antifa-Recherche Berlin-Brandenburg, Februar 2006, S. 37 / fight.back 04 — Antifa-Recherche Berlin-Brandenburg, Mai 2009, S. 42 f., S. 55
[12] „Rechte Vorfälle nehmen zu“, Bucher Bote, Januar 2013, S. 3

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