NPD-Frauen zielen zunehmend auf gesellschaftliche Konfrontation

NPD-Frauen zielen zunehmend auf gesellschaftliche Konfrontation

Rechtsextreme Frauen treten immer selbstverständlicher offen als Protagonistinnen der Szene auf – inzwischen sind sie fester Bestandteil einer braunen Image-Kampagne zur Akzeptanzgewinnung.

Von Andrea Röpke

Stella Hähnel bezeichnet sich in letzter Zeit gerne als „Dissidentin“. Die NPD-Vorsitzende im Kreisverband Dahmeland, seit rund 15 Jahren Parteimitglied, möchte mit diesem Begriff nicht „intellektuell“ wirken, doch der sei einfach „philosophisch unschlagbar“, schreibt die Neonazistin bei Facebook. Die 41-jährige Noch-Ehefrau des Szene-Liedermachers Jörg Hähnel ist seit Jahren eine der weiblichen Stimmen bei der NPD, die sich Gehör verschaffen. Christina Krieger lebt in Niedersachsen und stammt aus der estnischen Hauptstadt Talinn. Auch die 23-Jährige, die den NPD-Unterbezirk Hannover leitet, fühlt sich von Gegnern verfolgt, will jedoch trotz „typischen Hasses“ ihrer Einstellung treu bleiben.
Eine regelrechte „Menschenjagd“ sieht die sächsische NPD-Landtagsabgeordnete Gitta Schüßler auf eine ihrer zur Zeit aktivsten Mitstreiterinnen im „Ring Nationaler Frauen“ eröffnet. Demnach sei die Lebensgefährtin des NPD-Chefs in Berlin und angehende Sozialassistentin, Maria Fank, wegen ihrer politischen Aktivitäten einer „beispiellosen Hetzkampagne“ ausgesetzt. Fank hatte die Proteste gegen das Flüchtlingsheim im Berliner Stadtteil Hellersdorf mit Redebeiträgen vor einer Bürgerinitiative angeheizt, sich dabei nicht gleich als NPD-Frau zu erkennen gegeben. Eine Strategie, die sich die Neonazi-Aktivistinnen gerne vorbehalten. So zitierte Fank in der Vergangenheit schon mal Reichspropagandaminister Joseph Goebbels oder assoziierte Hilfe für Bürgerkriegsflüchtlinge mit Überfremdung und damit angeblich einhergehender Kriminalität.

Erziehung als „nationale Lebensaufgabe“

Dennoch möchten sich rechtsextreme Frauen das Recht vorbehalten, selbst zu bestimmen, wann sie mit ihrer menschenverachtenden Gesinnung in die Öffentlichkeit treten, solange wollen sie in Ruhe gelassen werden. Emanzipation gilt in der braunen Männerbastion immer noch als Feindbild. Frauen sind so das schwächere Glied dieser anvisierten „Volksgemeinschaft“ und müssen geschützt werden. Immerhin stehen ihnen inzwischen beide Optionen offen: Im Hintergrund politisch zu wirken, ob als deutsche Mutter und Erzieherin oder offen als Aktivistin aufzutreten und sogar Mandate zu übernehmen sowie als Rednerin aufzutreten. Sie sind inzwischen fester Bestandteil einer neonazistischen Image-Kampagne zur Akzeptanzgewinnung.

Dass die NPD-Frauen allerdings auch Verantwortung übernehmen müssen, scheint nicht selbstverständlich. Sogar eine NPD-Lehrerin, die 2010 einen 15-jährigen Schüler ihrer Klasse für die JN angeworben hatte oder eine Kindergärtnerin, die vorher zur verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ) zählte, zeigten sich empört, als Medien vor ihnen warnten. 2010 propagierte die NPD selbst: Erziehung sei eine „nationale Lebensaufgabe“.

Ohnehin sind aktive NPD-Frauen nicht überall einer gesellschaftlichen Konfrontation ausgesetzt. Als Mitte Oktober 2013 im sächsischen Schneeberg gegen das dortige Flüchtlingsheim von der NPD mobilisiert wurde, Anfang November sich dann sogar über 2000 Menschen den rassistischen Parolen der NPD auf dem Marktplatz anschlossen, beteiligten sich auch NPD-Politikerinnen wie die Landtagsabgeordnete Schüßler oder die Chemnitzer Stadträtin Kathrin Köhler. Schüßler wurde sogar als empörte Bürgerin aus dem Erzgebirge vom „Sachsen-Spiegel“ interviewt. Überall im aufgebrachten Menschen-Mob hatten sich rechte Aktivistinnen positioniert, um als Vorschreierinnen die Parolen vorzugeben: Mit „Stefan, Stefan“ huldigten sie dem regionalen NPD-Anmelder, mit „Buh“-Rufen wurden politische Gegner bedacht und mit „Wir sind das Volk“ sollte die Menge eingeschworen werden. Viele junge Frauen hatten auch ihre Kinder zur bürgerlichen Demonstration unter NPD-Führung ins Erzgebirge mitgebracht.

Politisches mit Privatem verbinden

Den rechtsextremen Vordenkern und ihren willfährigen Mitstreiterinnen kommt die gefährliche, fremdenfeindliche Stimmung in Berlin-Hellersdorf, Schneeberg oder zahlreichen anderen Orten wie gerufen. Schritt für Schritt bringt sich die ansonsten desolate NPD ins Spiel. Zusätzlich fordert die NPD-Unterorganisation „Ring Nationaler Frauen“ in populistischer Manier Abtreibungsverbote für deutsche Frauen und ein „Müttergehalt“ für „Abstammungsdeutsche“.

Rechte Frauen tragen die Mitverantwortung, wenn der Nachwuchs mit „Arisches Kind“-Shirt bei einem Neonazi-Konzert herumläuft, Kinder im Takt wippen während die Eltern rassistische Lieder mitgrölen, oder Hakenkreuze im Unterricht malen. Als freundliche „Mutter von nebenan“ verbinden Neonazistinnen verstärkt Politisches mit Privatem. Zum Leben für die „nationale Sache“ gehört für politische Überzeugungstäterinnen die bewusste ideologische Indoktrination von Lebensalltag, Kindererziehung und Ehrenamt. Auf Wahlplakaten der NPD strecken Kinder die Zunge heraus, daneben der Spruch: „Ätsch noch immer nicht verboten – Mitgliedsausweis sichern: NPD.“

„Das übliche Klischee von der unpolitischen Frau wird unreflektiert reproduziert“, warnt Michaela Köttig, Professorin an der Fachhochschule Frankfurt und Mitbegründerin des „Netzwerks Frauen und Rechtsextremismus“. Rechtsextremen Frauen wird schnell eine feste Überzeugung abgesprochen, sie wurden jahrelang verharmlost. Die Expertin betont, dass mit den gängigen Klischees Neonazi-Aktivistinnen wie die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe in doppelter Weise „unsichtbar“ gemacht würden. „Frauen haben nach dieser Logik zum einen keine politische Überzeugung, und wenn, dann keinesfalls eine so gewalttätige wie die männlichen Neonazis“.

„Energische Frauen haben eine Chance, im Mittelpunkt zu stehen“

„Inzwischen wissen die Rechtsextremisten, wie erfolgreich die Strategie der kulturellen Subversion ist“, warnt der Dortmunder Politikwissenschaftler Dierk Borstel. Wenn Rechtsextremisten gegen Hartz IV demonstrieren, sich in Elterninitiativen engagieren oder Hausaufgabenhilfe anbieten, können sie sich vor allem in strukturschwachen Regionen als zivilgesellschaftliche Aktivisten in Szene setzen und Ressentiments abbauen. Doch Frauen als Rednerinnen, offen auftretende Protagonistinnen, sind immer noch die Ausnahme, werden aber allmählich immer selbstverständlicher. Immer mehr Aktivistinnen wie Maria Fank gelingt es, sich zu etablieren.

Eigene frauenpolitische Ziele stellte der RNF bisher nicht. Szene-interne Tabus wie häusliche Gewalt oder sexuelle Übergriffe werden nicht thematisiert. Jedoch haben auch emanzipatorische Frauenbewegung und antiautoritäre Erziehung Spuren hinterlassen. ,„Frauen bringen sich hier politisch ebenso ein wie Männer und das tut den Männern hier genauso weh oder gut wie überall anders auch“, heißt es auf einer Homepage des „Rings Nationaler Frauen“ und weiter: „Dass die Frau an sich im politischen Wollen unserer Partei eine herausragende Rolle spielt ist selbstverständlich unanfechtbar. Ziel des ganzheitlichen Bewusstseins, das den politischen Positionen der NPD zugrunde liegt, ist die geistige und körperliche Gesunderhaltung, die Wiederherstellung des Wohles unseres Volkes, das sich in schlimmster degenerierter Auflösung befindet“. Tatsächlich erkämpfen sich rechtsextreme Aktivistinnen unter den argwöhnischen Augen mancher männlicher Kameraden politische Freiräume.

Die 52-jährige Gitta Schüßler ist eine der wenigen Frauen, die es bis an die Spitze geschafft haben – und sich trotz interner Anfeindungen gehalten haben. Die Zwickauerin sitzt seit zwei Legislaturperioden für die NPD im sächsischen Landtag. Sie ist die einzige weibliche Abgeordnete, verfügt über eine solide politische Hausmacht. In ihrem Umfeld tummeln sich weitere weibliche NPD-Stadträte wie in Chemnitz oder Zittau. Selbstbewusst sagt die Kauffrau und ehemalige Bundesvorsitzende des RNF in einem Internetinterview: „Frauen können genauso gut politisch arbeiten wie die Männer. Es gibt ja immer noch relativ wenig Frauen in nationaler Kreisen, aber die da mitarbeiten, werden durchaus beachtet. Sie bekommen auch beizeiten Funktionen übertragen. Ich seh’ da keinen großen Unterschied zu den Männern. Energische Frauen haben da durchaus eine Chance, im Mittelpunkt zu stehen.“

Quelle: bnr.de, 11. November 2013