»Thompson«-Konzert in Kroatien, 2008

»Thompson«-Konzert in Kroatien, 2008

Das geplante Konzert der nationalistischen kroatischen Band »Thompson« ist abgesagt

Von Jerko Bakotin

Marko »Thompson« Perković ist die Musik-Ikone der kroatischen nationalistischen Rechten. Nachdem er bereits 2006 und 2009 Konzerte in Berlin geben konnte, sollte er nun ein drittes Mal hier auftreten. Für den 26. April war ein Konzert seiner Ethno-Hardcore-Band »Thompson« in der Columbiahalle geplant. Nach Protesten und mehreren Medienberichten über die Hintergründe der Band kündigte der Veranstaltungsort inzwischen den Vertrag und sagte den Termin ab. Nur ein gegenteiliger Gerichtsbeschluss könne an dieser Entscheidung etwas ändern, teilte die C-Halle auf Facebook mit. Aktivisten des Bündnisses »Kein drittes Mal« hatten zuvor mit einer Kampagne die Aufmerksamkeit auf »Thompsons« politische Haltung gelenkt.

Der kontroverse Sänger spielt häufig für die kroatische Diaspora, von Kanada bis Australien. In den Niederlanden wurden seine Konzerte jedoch bereits 2003 untersagt, und die Schweiz erteilte ihm 2009 ein Einreiseverbot wegen volksverhetzender Texte. Ungeachtet dessen konnte er in Deutschland mehrmals spielen. Geplante Konzerte in Hamburg und Bochum mussten allerdings nach Protesten abgesagt werden.

Sein Pseudonym »Thompson« wählte Perković nach der Bezeichnung der Maschinenpistole, mit der er im kroatischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte. Sein Publikum heißt er regelmäßig mit dem Gruß »Za dom – spremni!« (»Für die Heimat – bereit!«) willkommen. Das war der offizielle Gruß der kroatischen Ustascha-Faschisten. Nach deren Machtübernahme im April 1941 hatten sie einen Vasallenstaat des Dritten Reichs errichtet. Die Ustascha sind verantwortlich für den Genozid an mehreren Hunderttausend Serben, Juden, Roma und antifaschistischen Kroaten. »Thompsons« Fans recken oft den rechten Arm in die Luft, kleiden sich in Schwarz und brüsten sich mit Ustascha-Symbolen. Perković selbst soll wiederholt ein Ustascha-Lied gesungen haben, in dem die »Fleischer« in den Vernichtungslagern Jasenovac und Stara Gradiška bejubelt werden – und die Flüsse voller serbischer Leichen. Laut einem Bericht der kroatischen Tageszeitung »Novi list« gab »Thompson« im Jahr 2004 auf seiner eigenen Website an, das Lied »im Widerstand gegen vampirische Kommunisten« gesungen zu haben.

»Thompson«-Konzerte sind in Kroatien und kroatischen Gebieten in Bosnien und Herzegowina von Hunderttausenden Leuten besucht worden. Für den konservativ orientierten Teil der Bevölkerung gilt der Sänger als nationaler Held mit Kultstatus. Die meisten dieser Fans sind sicherlich keine Ustascha-Befürworter, sondern würden sich selbst als Patrioten bezeichnen. Auch »Thompson« versucht, sich vom Nazismus und Faschismus zu distanzieren. Er stellt sich in der Öffentlichkeit als jemand dar, der über Familienleben, Heimatliebe und Gott singt. Wer aber auf manchen seiner Konzerte die Hassbotschaften eines Teils des Publikums gehört hat, muss kein Serbe und kein Jude sein, um es mit der Angst zu tun zu bekommen. In Perkovićs Konzept ist Kroatien eine heilige Nation, die von den »Teufelskräften der Antichristen, Kommunisten und Freimaurer« niedergeworfen zu werden droht.

Tatsächlich ist das »Thompson«-Phänomen eine Folge der 90er Jahre in Kroatien. Damals verschwamm die Grenze zwischen »normalen« Nationalisten und Anhängern des Ustascha-Faschismus, was teilweise durch die herrschenden Strukturen unterstützt wurde. Auch erfährt Perković viel Unterstützung aus den Reihen der kroatischen katholischen Kirche. Seine Konzerte wurden vom kroatischen Fernsehen live gesendet. Wie einflussreich dieser Sänger ist, zeigt auch eine der bizarreren Anklagen gegen den ehemaligen kroatischen Ministerpräsidenten Ivo Sanader, der wegen Korruption zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde, die allerdings noch nicht rechtskräftig ist. Angeblich hat der Konservative Sanader eine halbe Million Euro an »Thompson« gezahlt, damit dieser im Wahlkampf nicht für die politische Konkurrenz von rechts singt.

Der Veranstalter des Berliner »Thompsons«-Konzerts, Jakov Kolak, zeigte sich gegenüber »nd« noch vor wenigen Tagen überzeugt: »Das Konzert wird sicher in der C-Halle stattfinden, der Vertrag ist unterschrieben. Es wird gewiss keine Ustascha-Symbole geben. Weder wir als Organisatoren noch die Polizei würden das erlauben. Es gibt keine Ustaschas mehr, das sind ein paar primitive Leute. ›Thompson‹ singt über Familie und Heimat.« Weniger friedfertig trat Kolak jedoch nach der Absage des Konzerts gegenüber dem Verfasser dieses Textes auf. Indirekt machte er den Journalisten für die Absage mitverantwortlich und drohte ihm körperliche Gewalt an.

Das Bündnis »Kein drittes Mal«, hingegen darf sich bestätigt fühlen. »Wir hier in Berlin wollen uns nicht nur mit dem deutschen Rassismus und Neonazismus à la NPD auseinandersetzen«, hatten die Aktivisten aus Deutschland und dem ehemaligen Jugoslawien mitgeteilt. »Faschismus ist keine Meinung, sondern war und ist ein Verbrechen. Das gilt auch für kroatische Faschisten, egal, wo sie auftreten. Mainstream-Medien wie auch AntifaschistInnen in Kroatien und Ex-Jugoslawien beobachten sehr genau, was in Berlin passiert«, so die Aktivisten Vedrana Madžar und Tim Köhler. »Unser Engagement soll zeigen, dass sie nicht allein sind in ihrer Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Faschismus.«

Ob das Berliner Konzert an einem anderen Ort doch noch stattfinden kann, ist derzeit ungewiss. Eintrittskarten sind jedenfalls immer noch erhältlich. Fest steht, dass »Thompson« am 3. Mai in der Essener Eissporthalle auftreten soll. Doch auch dort gibt es eine Kampagne, die das verhindern will. Der Trägerverein, der die Eissporthalle betreibt, hat allerdings bereits mitgeteilt, dass es keine rechtliche Handhabe gebe, das Konzert abzusagen. Zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung, hieß es weiter, habe man keine Ahnung gehabt, wer »Thompson« ist.

Quelle: Neues Deutschland, 24. April 2014