Marko Perkovic alias Thompson ist Kroatiens erfolgreichster Musiker: Und er sympathisiert mit der kroatischen Variante des Faschismus. Ein für Samstag geplantes Konzert in der Columbiahalle wurde abgesagt.

von Danijel Majic

Das Datum war mit Bedacht gewählt. Am 10. April 2013, also vor knapp einem Jahr, veröffentlichte der kroatische Sänger Marko Perkovic alias Thompson nach sieben Jahren Pause wieder ein Studioalbum. „Ora et Labora“ wurde zum Bestseller. Als erster Künstler seines Landes schaffte es Thompson damit in die internationalen iTunes-Charts. Grund genug für sein Management, den Fans vor wenigen Tagen via Facebook einen frohen 10. April 2014 zu wünschen. Soweit so unverfänglich.

Tatsächlich ist es ein Spiel mit der Doppeldeutigkeit. Der 10. April ist zugleich der Jahrestag der Machtübernahme der faschistischen Ustascha in Kroatien. Dass sie die Anspielung verstanden haben, daran lassen Thompsons Fans in den Kommentarspalten keine Zweifel. Einige zeichnen ihre Beiträge gleich mit „Za dom spremni!“ (Für die Heimat bereit), dem Gruß der Ustascha-Bewegung, mit dem auch Thompson seine Konzerte zu beginnen pflegt. Man wird den Ustascha-Gruß am Sonnabend auch in Berlin vernehmen.

Schon am morgigen Sonnabend wollte Thompson in der Columbiahalle auftreten. Doch die Hallenbetreiber haben den Vertrag gekündigt – das Konzert fällt. Thompsons Management und der Konzertveranstalter versprechen den Fans allerdings, dass es ein Ersatzkonzert geben wird. Schon im Mai soll der Auftritt in Berlin nachgeholt werden, man habe bereits eine Halle in Aussicht, heißt es auf den Facebook-Seiten des Konzertveranstalter.

Landsleute verteidigen ihn

Seit einigen Jahren hat sich auch in Westeuropa herumgesprochen, dass es sich bei Kroatiens erfolgreichstem Musiker um einen strammen Rechtsrocker mit Sympathien für die kroatische Spielart des Faschismus handelt. Von einem „Hass-Sänger“ sprach schon 2007 die FAZ. Der Berliner Kurier fragte vor wenigen Wochen, warum der „Nazi-Kroate“ überhaupt in der Columbiahalle spielen dürfe. Seiner Beliebtheit auch unter den in Deutschland lebenden Kroaten tut das keinen Abbruch. Je heftiger die Kritik an dem 47-Jährigen ausfällt, umso vehementer verteidigen ihn Vertreter der kroatischen Gemeinschaft. „Thompson, Patriot und kein Nazi-Sänger“, titelte unlängst die in Deutschland erscheinende kroatische Monatszeitung Fenix.

Der Musiker Marko Perkovic ist ein Produkt der jugoslawischen Sezessionskriege. Seinen ersten Hit „Bojna Cavoglave“ (Bataillon Cavoglave) schreibt der einfache Frontsoldat im Jahre 1992, nicht einmal ein Jahr nach Ausbruch der Kampfhandlungen. Darin droht er den mit der jugoslawischen Armee verbündeten serbischen Aufständischen, die zu diesem Zeitpunkt ein Drittel des Staatsgebiets besetzt halten, dass „unsere Hand euch auch in Serbien erreichen“ wird.

Es ist die Geburtsstunde von Thompson. Sie fällt in eine Zeit, in der Mythen zur offiziellen Geschichtsschreibung avancieren. Staatsgründer Franjo Tudjman spricht von der Unabhängigkeit als der Erfüllung eines „tausendjährigen Traums“ der Kroaten, die jahrhundertelang unter der Herrschaft fremder Völker (Ungarn, Türken, Serben) gelitten hätten. Kroatien bastelt sich ein historisches Narrativ, in dem eine kulturelle und ethnische Kontinuität behauptet wird, die im Krieg immer wieder als Begründung für territoriale Ansprüche – etwa an das benachbarte Bosnien – herhalten muss.

Dieses romantisierende historische Narrativ bedient Thompson in seinen Liedern ausgiebig. In seinem Lied „Fluch des Königs Zvonimir“ greift er beispielsweise den Mythos vom Verrat am gleichnamigen Monarchen auf, auf dessen Fluch tausend Jahre Fremdherrschaft zurückgehen sollen.

Betrauern der Kriegsniederlage 1945

Zu dieser Geschichtsschreibung gehört auch die Relativierung der Ustascha und ihrer Verbrechen. Im Kroatien der 90er-Jahre wird das mit Deutschland verbündete Regime der Ustascha zum ersten Versuch kroatischer Selbstständigkeit umgedeutet und der Massenmord an Serben, Juden und Roma wenn nicht geleugnet, so doch gnadenlos relativiert. Kroaten als Täter stören das Nationalnarrativ. Kassetten mit Ustascha-Liedern werden offen im Handel verkauft – auch in den kroatischen Gemeinden in Deutschland. Die kroatischen Paramilitärs der HOS teilen sich mit den Streitkräften der Ustascha nicht nur das Akronym, sondern auch die schwarzen Uniformen und den Gruß: „Za dom spremni!“

Auch Thompson „Bataillon Cavoglave“ beginnt mit dem Ustascha-Gruß. Die positive Bezugnahme auf den kroatischen Faschismus zeigt sich auch in weiteren Liedern. Der Titel des Liedes „Ljuta Trava na ljutu ranu“ (Bitteres Kraut auf bittere Wunden) ist ein Zitat, das dem Ustascha-Führer Ante Pavelic zugeschrieben wird, mit dem dieser den Massenmord an den Serben rechtfertigte.

Im Lied heißt es: „Bereite das gleiche Hemd vor … es wird meinem Sohn passen, wie es schon meinem Großvater gepasst hat.“ Eine Anspielung auf die Schwarzhemden der Ustascha. Zur Katastrophe wird in Thompsons Geschichtsbild nicht etwa die Beteiligung Kroatiens am Holocaust, sondern die Kriegsniederlage 1945. „Schlecht war dieses Jahr 45, es verstreute uns über die Welt“, heißt es in „Geni Kameni“ (Gene aus Stein). Eine Zeile später macht Perkovic deutlich, dass er das moderne Kroatien, in der Tradition der Ustascha sieht: „Doch nun wächst ein neues Geschlecht, die Schwalben sind heimgekehrt.“

Kämpfer gegen „dunkle Mächte“

Thompsons Symbolik hat für ihn und seine Verteidiger einen entscheidenden Vorteil: Sie ist eindeutig genug, um von seinen Fans als Verneigung vor der Ustascha verstanden zu werden, aber gerade noch so vage, um nach außen hin genau das bestreiten zu können. Dass er außerhalb des ehemaligen Jugoslawiens überhaupt als Rechtsrocker wahrgenommen wird, liegt in erster Linie an einem Zwischenfall aus dem Jahre 2002. Damals hatte er bei einem Konzert das Ustascha-Lied „Jasenovac i Gradiska Stara“, in dem die Opfer der beiden größten Konzentrationslager in Kroatien verhöhnt werden, zum Besten gegeben. Zwei Jahre später veröffentlichte das kroatische Internetportal index.hr einen Audiomitschnitt. Nach anfänglichem Bestreiten gab Thompson zu, das Lied gesungen zu haben. Aus Protest gegen die damalige „kommunistische“ (sprich: sozialdemokratische) Regierung Kroatiens.

Thompsons Begründung mag merkwürdig anmuten, passt jedoch in ein Geschichtsbild, in dem patriotische Kroaten immer wieder von den selben Kräften unterdrückt werden. Nämlich „Antichristen, Freimaurern und Kommunisten“ die mit „satanischen Phrasen“ ihn und die Seinigen besiegen wollen, wie Perkovic in „E moj narode“ (Oh, mein Volk!) ausführt. Also jene Feinde Kroatiens, die schon die Ustascha am Werk sah.

Thompsons Erfolg ist im Festhalten an diesen nationalistischen Geschichtsmythen begründet. Seine Fans sehen ihn und damit auch sich selbst als Kämpfer für eine historische Wahrheit, die von „dunklen Mächten“ in ihr Gegenteil verkehrt wurde. „Ein reines Herz, fürchtet nichts, auch wenn sie uns zum Schweigen bringen wollen“, dichtet Perkovic auf seinem neuen Album. Seine Fans werden nicht schweigen. Zu Tausenden werden sie am Sonnabend „Za dom spremni!“ schreien und erklären, dass das nichts mit Faschismus zu tun habe. Genau so wenig wie der 10. April, schwarze Uniformen oder Thomspons Texte.

Quelle: Berliner Zeitung, 25. April 2014